Alt werden in Brilon

Kurz und knapp:

  • Alt werden in Brilon muss bedeuten: Alt werden im gewohnten Lebensumfeld und in der Mitte der lieb gewonnen sozialen Beziehungen, solange dies eben geht.
  • Die stationäre Alters- oder Pflegeeinrichtung ist lediglich die ultima ratio der Altersversorgung.
  • Eine Gesellschaft sollte sich die Lebenserfahrung und das Wissen der älteren und alten Menschen zunutze machten, um nicht Zukunftspotenzial zu ignorieren.

In aller Ausführlichkeit:

Eine Stadt wie Brilon muss auch Menschen in der dritten und vierten Lebensphase ein attraktives und lebenswertes Umfeld bieten. Das ist ein zutiefst humanistisches Erfordernis, hat aber auch damit zu tun, dass damit Lebensleistungen beachtet werden müssen, die auch in der Gesellschaft vor Ort ihren Niederschlag gefunden haben, die die Grundlagen dafür gelegt haben, wo wir heute stehen.

Altersversorgung in diesem Sinne bedeutet für mich bestenfalls in der letzten Konsequenz Einrichtungen vorzuhalten, wo alte Menschen ihren Lebensabend verbringen können. Altersversorgung bedeutet für mich zu allererst, alte Menschen als integrativen Bestandteil unserer Gesellschaft zu verstehen und ein entsprechend altersgerechtes Leben zu ermöglichen.
So verstandene Altersversorgung verfolgt das Ziel, alten Menschen so lange wie möglich ein selbst bestimmtes Leben im selbst gewählten sozialen Umfeld zu gewährleisten – dafür müssen wir die gesellschaftlichen und politischen Voraussetzungen schaffen. Wir wissen alle, dass der Dreigenerationenhaushalt mit der Frau in der mittleren Generation, die den gesamten Haushalt schmeißt, als Standardlebens- und –wohnform der Vergangenheit angehört. Eine mobile Gesellschaft, in der Arbeit weit mehr als Broterwerb ist, wirft alle stärker als früher auf sich selbst zurück und lässt familiäre Verbünde zunehmend aufweichen. Institute zu schaffen, die das leisten, was früher zu Gunsten der Alten im familiären Verbund geleistet wurde, das ist die Aufgabe einer so verstandenen Altersversorgung.

Altersversorgung setzt aber an einer noch ganz anderen Stelle an. Ältere Menschen brauchen nicht nur Hilfe, sie bilden auch ein enormes Potenzial des gesellschaftlichen Engagements. Ich habe gerade bereits von der dritten und vierten Lebensphase gesprochen. Sind mit meinen Erstausführungen vorrangig die Menschen der vierten Lebensphase gemeint, stehen nun die Menschen im Fokus der Betrachtung, die sich in der dritten Lebensphase befinden. Erst der medizinische Fortschritt und der Übergang von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft mit weitaus weniger körperlichen Arbeitsbelastungen haben es ermöglicht, dass wir Menschen haben, die nach dem Ausscheiden aus dem Beruf die Fitness und die Motivation haben, sich für die Gesellschaft zu engagieren – Soziologen sehen bei zunehmenden Anforderungen im Berufsalltag diese Lebensphase als diejenige an, die dem Ehrenamt vorbehalten ist. Wenn ich von einem ungeheuren Potenzial spreche, das die „jungen Alten“ bieten, ist damit nicht nur der quantitative Aspekt angesprochen, sondern mit der Lebenserfahrung dieser Menschen vor allem der qualitative. Diese Kräfte im Dienste der Gesellschaft vor Ort zu mobilisieren ist die politische Aufgabe. So verstandene Altersversorgung schafft Möglichkeiten des Engagements, macht die Menschen der dritten Phase zu dem vielleicht bedeutendsten Faktor einer lebenswerten Stadt.

Nun gibt es natürlich bereits viele Ansätze, mit denen „Altersversorgung“ in beiden angesprochenen Altersphasen bereits gelebt wird. Denken wir an das vielfältige ehrenamtliche Engagement dieser Bevölkerungsgruppe in den Vereinen und Verbänden der Stadt und der Dörfer, denken wir an die vielen Hilfsdienste, die sich der Unterstützung hilfsbedürftiger alter Menschen widmen. Lassen Sie uns gemeinsam am Ausbau des Bestands arbeiten!